Reportage: Diagnose Kreuzbandriss! Wie Tomek sich zurück auf den Platz kämpfte

Anfang August 2016 bestreitet die 3. Mannschaft des BV Lünen ein Saisonvorbereitungsspiel beim BV Brambauer. Es ist ein Tag wie ihn jeder Fußballer kennt. Es ist warm, die Luft steht auf dem Platz. Ein Spiel, wie man es hunderte Male im Leben absolviert. Und doch wird einer von den Aktiven diesen Tag niemals vergessen. Endete für ihn das Spiel doch mit der Diagnose Kreuzbandriss. Mit damals 29 Jahren hat Thomas „Tomek“ Kwiatkowski sich noch einmal ganz neu kennengelernt. Das ist seine Geschichte und die Reise durch Behandlungsräume, Selbstzweifel und der Rückkehr auf das Spielfeld.

Es ist Sonntag, der 7. August 2016. Es ist ein warmer Sonntag in Lünen. Genau einen Monat nach dem Halbfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Frankreich befinden sich die Fußballer im ganzen Land in der Vorbereitung auf die neue Saison. Auf die Saison in der Bundesliga, aber auch auf die Saison in der Kreisliga. Vorbereitung im Amateurfußball – Das sind meistens gute Vorsätze. Vorsätze, in einer bierseeligen Runde gemacht und doch selten gehalten.

Doch dieser Sommer 2016 ist irgendwie anders. Die Fußballer der 3. Mannschaft des BV Lünen haben bis zu diesem 7. August gefühlt bereits hunderte Kilometer durch den Wald in den Knochen. Sie sind fit. Die Körper dieser Männer sind für Kreisliga-Sportler gut definiert. Einer, der in der Vorbereitung bis zu diesem Zeitpunkt besonders Gas geben hat, ist Thomas Kwiatkowski. Er ist beim BV Lünen eine feste Größe, zu diesem Zeitpunkt in seinem 20. Jahr als Vereinsmitglied.

Viele Kilos hat er in den letzten Wochen verloren, kommt fast drahtig daher. Die defensive Außenbahn ist sein Zuhause. 100 Prozent Einsatz sind ihm zu wenig. Doch dafür zahlt „Tomek“ an diesem Tag einen hohen Preis.

Und es passiert, was nicht passieren darf…

„Es war ein Angriff von Brambauer“, beginnt er zu schildern, was sein Leben in den kommenden Monaten abrupt abbremsen sollte. „Der Stürmer des Gegners drohte meinem Kollegen Torsten zu entwischen. Ich sah den Ball und wusste: Die einzige Möglichkeit, hier jetzt kein Gegentor zu kassieren ist es, da jetzt voll reinzugehen und den Ball wegzudreschen.“

Und dann passiert, was so oft passiert. Es ist der größt anzunehmende Unfall für einen Fußballer. Tomek erreicht den Ball, doch zeitgleich kommt der Gegner durch eine Berührung zu Fall. „Der Gegner ist auf meinem rechten Bein gelandet. Ich habe in dem Moment unfassbare Schmerzen gespürt und habe einfach nur noch geschrien“, schildert Tomek die folgenden Momente.

Trügerisch ist nur: Er schreit da so hilflos am Boden liegend: „Meine Hand, meine Hand!“ So denken seine Teamkollegen und Trainer zunächst, er habe sich an der Hand verletzt. Das es in Wirklichkeit um sein Knie geht, es kristallisiert sich erst in der Zeit danach heraus. Weil sich niemand so Recht zu Helfen weiß, wird der sichere Weg gegangen. Es wird beschlossen, dass ein Krankenwagen her muss. Der erscheint in Rekordzeit von wenigen Sekunden. Ein glücklicher Zufall will es so, dass der Wagen nur wenige Meter von der Anlage in Brambauer unterwegs war.

Falsche Diagnosen

Es geht ins Krankenhaus. Bei der ersten Behandlung wird ein Röntgenbild angefertigt und Knochenbrüche werden ausgeschlossen. Die Ärzte in der Klinik gehen davon aus, dass es sich um eine starke Prellung des Knies handelt. Ein Irrglaube, wie sich in den folgenden Wochen herausstellt. Weil sein Knie partout nicht weniger schmerzen mag und die Schwellung nicht zurückgeht, holt sich Tomek eine zweite Meinung ein.

Ein MRT-Bild wird angefertigt. Doch auch die jetzt gestellte Diagnose – ein Innenbandriss – ist falsch. Das Knie bereitet Schmerzen, es ist nicht stabil. Jetzt müssen andere Geschütze aufgefahren werden. Es geht zu einem Sportarzt nach Dortmund. Und hier bekommt Tomek jetzt die Gewissheit: Das vordere Kreuzband im rechten Knie ist komplett zerrissen. Er hatte es bereits geahnt, doch im Moment der Diagnose bricht für ihn eine Welt zusammen.

Er, der seit 20 Jahren dem Ball hinterherrennt ist jetzt zum Zusehen verdammt. Er muss zusehen, wie die Kollegen im Verein bis über beide Ohren strahlen als nach jahrelangem Kampf endlich der Kunstrasenplatz kommt. Die Asche auf dem Sportplatz in der Geist war sein zweites Wohnzimmer, doch auf dem neuen Kunstgras darf er nicht ran. Das tut ihm weh. Er muss es dabei nicht einmal aussprechen. Blicke, sagt man, zeigen mehr als Worte es jemals ausdrücken könnten.

Ungewissheit

Vom Unfall bis zur gesicherten und finalen Diagnose vergingen fast vier Wochen. Eine quälend lange Zeit der Ungewissheit. Am 5. September 2016 steht die Operation an. Am 1. September lädt der Verein aber erst einmal zur großen Eröffnung der Anlage ein. Auch Tomek ist dabei. Er weiß jedoch noch nicht, was ihn vor dem Spiel der 1. Mannschaft erwartet.

Er sitzt an der Kasse als der Vorstand des Klubs ihn zur Mitte der Anlage bittet. Die Spieler, die gleich gegen den VfB Lünen II das Eröffnungsspiel des Kunstrasenplatzes mit 0:1 verlieren sollte, stehen ihm Spalier. Auch die Kollegen der Dritten sind dabei. Der Verein ehrt Tomek für seine lange Mitgliedschaft mit einem T-Shirt, auf dem all seine Freunde unterschrieben haben.

Seine Augen werden feucht, er muss sich beherrschen nicht loszuheulen. Er steht für einen kurzen Zeitpunkt noch einmal im Mittelpunkt des Geschehens. Vielleicht setzt das ein bisschen Mut und Kraft für die kommenden Tage frei.

Den Tag der Operation geht er ohne Angst an. Im Internet hat er sich erkundigt was ihn erwartet, sich sogar OP-Videos angesehen. Und er hat volles Vertrauen in seinen Arzt. Das Knie wird geflickt, der lange Weg zurück kann beginnen. Notieren wir an dieser Stelle: Es ist Anfang September 2016.

Operation, Reha, Krise

Direkt nach der OP passiert aber, was häufig passiert. Tomek fällt in ein Loch. Der Weg zurück auf den Platz ist weit. Er ist gerade aus dem Startblock gelaufen und hat noch eine Marathon-Distanz vor sich. Das weiß er. Die Größe der Aufgabe wird ihm bewusst.

Auch durch die Hilfe seiner Familie, seiner Freundin und seiner Freunde kommt er aber schnell wieder zu sich. Er nimmt den Kampf an. So hart er auch werden mag, er geht im Herbst 2016 optimistisch an die Dinge. Die Wochen nach der OP bringen schnelle Fortschritte. Neben dem Kühlen des Knies stehen in der frühen Phase der Physiotherapie Übungen, um die grundsätzliche Bewegungsfähigkeit des Knies wieder herzustellen.

Immer wieder aber zerreißt es ihn innerlich, auf das Spielfeld zu blicken und zum Zusehen verdammt zu sein. „Ich war am Anfang auch total auf Hilfe angewiesen“, erinnert er sich. „Das ganze Rumfahren, die Verpflegung und diese Sachen. Ich wäre ja alleine total aufgeschmissen gewesen.“

Andere Seiten kennenlernen

Mit 29 Jahren fühlt er sich plötzlich wieder ganz klein. Was ihm neben der körperlichen Hilfe gut tut: Die Leute reden mit ihm. Nehmen sich seiner Sorgen an. Eine glückliche Situation, dass weiß er einzuordnen. „Das hat auch der Seele gut getan“, sagt er im Rückblick auf diese Zeit.

Wei ein Kreisligafußballer nicht das Rundum-Sorglos-Paket eines Profis erhält, war es in der Rehabilitation wichtig, dass Tomek alleinverantwortlich in seiner Freizeit weiter an seinem Knie arbeitet. Kleine Übungen, eine Bewegungsschiene und so langsam schienen die ersten Kilometer des Marathons absolviert. Doch er muss sich immer wieder pushen, um weiterzumachen.

In der Zeit reift die Idee, eine andere Seite des Fußballs kennenzulernen. Tomek ist immer wenn es ihm seine Zeit erlaubt, mit dabei. Er beobachtet die Trainings und die Spiele seiner Mannschaft. Langsam aber sicher wird im späten 2016 der „Teammanager Tomek“ geboren.

Das Sportlerherz schmerzt

Das heißt, er sitzt in der Folge bei den Spielen mit auf der Bank, feuert die Spieler an und versucht sich, um die Belange der Mannschaft zu kümmern. „Um nicht verrückt zu werden, musste ich irgendwas machen. Noch nie zuvor habe ich so lange kein Fußball gespielt. Ich wollte aber nicht darauf verzichten, also habe ich zugesehen, meine Mitspieler auf anderem Wege zu unterstützen“, kommentiert er seine damalige Rolle.

Er findet Gefallen daran. Doch wenn man ihn in Gespräche verwickelt und ihn etwas Reden lässt, dann wird es immer wieder deutlich: Das Sportlerherz schmerzt im Winter und zu Beginn des Jahres 2017. Er will wieder auf den Platz. Will seine Seite sauber halten und aktiv Anteil am Erfolg oder Misserfolg der Mannschaft haben. Doch so schnell geht es nicht.

Immer wieder muss er lernen, einen Schritt nach dem nächsten zu gehen und Geduld zu haben. So schwer das auch fällt. Im Fitnessstudio beginnt er langsam aber sicher, auch auf dem Laufband zu arbeiten und treibt den Muskelaufbau voran. Kleinere Übungen kann er nun sogar schon auf dem Platz absolvieren.

Halbzeit

Während die Anderen im Fünf gegen Zwei den Ball kreisen lassen, stellt er nach und nach auch seine Fortschritte unter Beweis. Laufschuhe und Isomatte hat er in der Zeit immer dabei. Im Torwarttraining assistiert er dem Torwart. Auch an dieser Aufgabe findet er Gefallen.

Es ist langsam auch die Gewissheit in ihn eingekehrt, dass er nicht nach sechs Monaten wieder auf dem Platz steht. Die Vernunft fängt an zu siegen. Man mochte es ihm als großes Etappenziel anerkennen. Die ersten 20 Kilometer des Marathons waren bis hierher absolviert.

Doch die Zweifel bleiben. „Mache ich zuviel? Wie reagiert das Knie? Die Fragezeichen waren immer da. Ich hing zwischendurch schon ein bisschen in der Luft. Aber mir wurde immer geholfen. Darüber bin ich echt glücklich“, sagt er zu dieser Phase.

Charles William Wendte sagte einst: „Du bist auf dem Weg zum Erfolg, wenn du begriffen hast, dass Verluste und Rückschläge nur Umwege sind.“ Der Tomek vom Januar 2017 fand sich in diesem Satz wieder. Das Ziel, wieder mit dem Ball am Fuß seine Runden zu drehen, hat er zwar öfter Mal in Frage gestellt, doch nie aus dem Auge verloren.

Ein kleiner Zeitsprung in das Frühjahr. Die Reha ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass er nicht nur um den Platz gehen, sondern auch langsam aber sicher joggen kann. Endlich kann er richtig auf den Platz. „Es war so großartig, den Platz endlich richtig zu fühlen und das Tempo etwas anziehen zu können“, kommentiert Tomek diese Phase rückblickend.

Der Ball ist am Fuß

Und irgendwann – es lässt sich gar nicht mehr so genau datieren – ist auf einmal der Ball am Fuß. Ganz locker und nur mit sanften Berührungen, doch er spürt wie sich sein Knie wieder einen Schritt weiterentwickelt. Wir sind gerade an der letzten Verpflegung vorbei, die Zielgerade ist fast schon in Sicht. Aber zu schnell darf die Schlussphase des Marathons nicht angegangen werden.

Für die Moral ist das schwierig. Immer wieder muss er sich bremsen, zurückstecken um nicht zu viel zu machen. Auch in dieser Phase gibt es Rückschläge. Immer wieder kommen Tage, an denen das Knie schmerzt und der Belastung der Reha Tribut zollt. Das belastet ihn fortlaufend.

Doch er kann sich auch selber aus diesen kleineren Tiefs ziehen. Denn die Phasen werden weniger und weniger. Und doch rast die Zeit unaufhaltbar weiter. Auf einmal schreiben wir Ende Mai und die Saison ist vorbei. Er hat in der Zeit kein einziges Ligaspiel absolvieren können. Doch das große Highlight der Spielzeit steht jetzt erst noch an: Die Abschlussfahrt.

30. Geburtstag und eine gute Nachricht

Die Mannschaft hat sich einen Park in Belgien als Destination des Saisonabschlusses ausgesucht. Die Männer erleben sonnige Tage und feiern – die meisten jedenfalls – den DFB-Pokalsieg von Borussia Dortmund. Die Verletzung, die ihn zu diesem Zeitpunkt schon so lange begleitet, sie ist für einige Tage komplett vergessen. Doch dieser Tage in Belgien heißt es auch Abschied nehmen. Die Zwanziger sind für Tomek vorbei.

Er wird 30. Darauf wird schon in Belgien kurz angestoßen. Die große Feier aber steigt erst eine Woche später. Und er erlebt einen Tag, wie er ihn sich im Bilderbuch nicht hätte ausmalen können. Seine Familie, seine Freunde, seine Mitspieler und Arbeitskollegen – Sie alle sind seiner Einladung gefolgt. Seine Freundin präsentiert an diesem Abend einen Film mit Bildern aus 30 Jahren seines Lebens. Der Fußball nimmt den größten Part ein.

Einige Wochen nach der Feier erreicht ihn dann die Nachricht des Jahres. Bei einer der unzähligen Arztbesuche nach der OP wird ihm mitgeteilt, ab sofort wieder voll belastbar zu sein. Er darf wieder Fußball spielen! Er kann es kaum erwarten, doch wir befinden uns im Frühsommer 2017 und damit mitten in der Sommerpause.

Das Comeback!

Doch spätestens im Juli hält ihn nichts mehr. Schon vor dem eigentlichen Start in die Vorbereitung hat er sich einige Male mit Waldrunden vergnügt. Während seiner Mitläufer sich dabei durchaus quälen mussten, fasst Tomek jeden Schritt, jeden Meter als pures Glück auf. Die Schufterei einer Vorbereitung macht ihm Spaß. Er lernt alles neu kennen. Und sein Knie hält. Das Strahlen in seinem Gesicht ist kaum abzustellen.

Die letzte Kurve rein ins Stadion, nur noch die Laufbahn trennt ihn vom Ziel. Der Marathon ist vorbei. Während der Vorbereitung auf die Saison kann er die Trainingseinheiten komplett bestreiten. Er kann Passen und Schießen, in Zweikämpfe gehen.

Doch man merkt die Unsicherheit. Nach elf Monaten Pause muss er noch die letzte Sicherheit in seinen Körper zurückgewinnen. Nicht, weil er physisch nicht auf den Fußball vorbereitet wäre. Die Psyche spielt noch nicht immer mit.

Und doch beschließen die Trainer ihn zu beschenken. Ziemlich genau ein Jahr nach dem Unfall in Brambauer darf er in einem Testspiel für ein paar Minuten auflaufen. Bei seiner Einwechslung applaudieren ihm seine Mitspieler. Das Zielband ist erreicht: Tomek steht wieder auf dem Platz und nimmt aktiv an einem Fußballspiel teil. Was war das für ein Marathon zwischen August 2016 und August 2017. Die Zeit hat ihn verändert. Zwar will er noch immer jeden Zweikampf führen, noch immer über großen Einsatz im Training überzeugen.

Was jetzt kommt

Doch er hört auch zu, wenn man ihn warnt und zur Ruhe anmahnt. Der legendäre Henry Ford sagte einmal über Rückschläge: „Ein Rückschlag ist die Möglichkeit, noch einmal neu und klüger anzufangen“.

Ob Tomek diesen Satz kennt oder nicht, ist nicht übermittelt. Er sagt aber über sich und sein Fußballspiel: „Ich denke ich habe mich in all dieser Zeit nach dem Kreuzbandriss etwas entwickelt. Mein Fußball muss nicht nur körperbetont sein. Es ist auch viel über den Kopf zu regeln.“

Die Vernunft scheint zu siegen. Tomek sagt über seine Perspektive in der Mannschaft selber, dass er sich bis zum Winter noch weiter in eine Verfassungen bringen will, um seine einstmalige Leistung wieder abrufen zu können. Die Routine soll wiederkommen. Und sie wird wiederkommen. Tomek wird wieder ein Teil seiner so geliebten Mannschaft sein. Wird seine Seite wieder dicht halten können. Oder eben auch nicht. Wie das im Fußball eben so ist.

Was viel wichtiger als das ist: Tomek hat den Kreuzbandriss hinter sich gelassen. Hat sich ein Stück weit neu kennengelernt. Hat gelernt, Hindernisse zu überwinden. Und darf nun wieder das machen, was seit Kindestagen so gerne macht. Fußball spielen. Hoffentlich noch viele Jahre lang. Gut Kick und Ende.